Mein Buchtipp im Juli: Doris Knecht, Die Nachricht
Eine Frau ist in Trauer. Ihr Mann kam vor drei Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben, und kurz danach erfuhr sie, dass er eine Geliebte gehabt hatte. Es umgibt sie ein warmes Netz von guten Freunden und Familienangehörigen. Sie wird aufgefangen, kann sich im wilden Garten des gemeinsam gebauten gemütlichen Holzhauses zurückziehen, zu sich kommen.
Nach drei Jahren beginnt sie eine vorsichtige Liebesgeschichte, die von allen erleichtert gefeiert wird. Dann kommen anonyme, verstörende Mails, hässliche Nachrichten auf Facebook und Instagram, sie wird gestalkt. Nach und nach wird der engste Kreis der Frau ins Stalking einbezogen, ihre Freunde erfahren, wie verzweifelt sie sei, wie hässlich und armselig. Schmutzige Dinge werden über sie verbreitet, und es gelingt ihr trotz professioneller Hilfe nicht, sich davor zu schützen.
Ich bin so wütend gewesen beim Lesen, weil ich diese hauchdünne Decke zwischen der mühsam errungenen Freiheit einer emanzipierten Frau und ihrer ewigen Rolle als Opfer fast körperlich spüren konnte. Da erzählt eine aus meiner Generation, die dachte, sie hätte es geschafft, die sich Freiheiten nehmen konnte und genommen hat, eine gute Ehe und emanzipierte Familiengeschichte hinter sich hat und doch dem Hass der Männer ausgesetzt ist, als Opfer abgestempelt wird.
Ich bin so wütend gewesen, weil ich weiß, dass dies täglich tausenden von Frauen passiert und jederzeit auch mir passieren könnte, und weil ich die Entwicklung in der Geschichte so gut nachvollziehen kann. Und die Einsamkeit, das Misstrauen, alles, was kleben bleibt, wenn man selbst zum Opfer geworden ist.
Ein großartiges Buch, dem ich sehr viele Leser wünsche.