Mein Buchtipp im September: Jarka Kubsova, Marschlande
Die Geografin Britta Stoever zieht mit ihrer Familie aus einer beschaulichen Hamburger Altbauwohnung in eine Traumvilla ins Marschland. Im Gegensatz zu ihrem Mann fühlt sie sich im Eispalast, wie die Einheimischen ihren Tempel aus Glas und Beton getauft haben, nicht wohl. Sie liebt es, alte Dinge zu renovieren und sich gewachsenen Strukturen vorsichtig anzupassen. Bei ihren Streifzügen durch das Marschland stößt sie auf eine Plakette, auf der die Bäuerin Abelke Bleken namentlich erwähnt wird.
Brittas Nachforschungen ergeben, dass Abelke eine Großbäuerin war, die um 1580 alleine ihren schönen großen Hof bewirtschaftete. Ihre vorausschauenden Handlungen waren zu weise gewesen, sie wurde im Dorf ausgegrenzt und schließlich als Hexe verbrannt.
Immer tiefer taucht Britta Stoever in die Geschichte von Abekle Bleken ein, und entdeckt dabei Parallelen zu ihrer eigenen Geschichte und der Geschichte von vielen Frauen, die sich selbst ermächtigen, Dinge anders zu tun als die breite Masse dies vorsieht. Auch Brittas pubertäre Tochter beginnt bei ihren Überlegungen eine Rolle zu spielen. Sie entfernt sich einerseits immer mehr von den Eltern, die gegen ihren Willen aufs Land gezogen waren, und verkriecht sich in ein selbstgeschaffenes Phantombild ihrer selbst, das sie in den sozialen Medien teilt, was ihr sehr große Probleme bringt.
Brittas reflektierter Umgang mit ihrer Tochter führt sie dazu, über Selbstermächtigung der Frauen nachzudenken. Die Situation der Frauen in unserer Gesellschaft hat sich im Vergleich zu weiblichen Lebensformen vor den Hexenverbrennungen stark verändert: Sie wurden von kooperierenden, solidarischen Mitbürgerinnen durch kapitalistische, wirtschaftliche und kirchliche Strukturen immer mehr zu von Männern abhängigen Schutzbedürftigen.
Ich fand dieses hochinteressante Buch oft sehr schwer zu lesen. Die Kapitel, in denen es um die Geschichte Abelke Blekens ging, waren extrem schwer auszuhalten, manche Seiten konnte ich nur überblättern. Der Teil, in dem Brittas Tochter von ihrer neuen Klasse gemobbt wurde, hat mich zunächst befremdet, aber schließlich verstand ich den Zusammenhang mit den anderen Frauenschicksalen und fand es sehr passend und sensibel, wie die Autorin diese Mutter-Tochter Geschichte erzählte, im Spiegel zu der komplett anderen Reaktion des Vaters. Ein sehr lesenswerter Roman, wenn man sich für die Geschichte aus feministischer Sicht interessiert.