Mein Tipp im Juli 24: Elif Shafak, Am Himmel die Flüsse

Der neue Roman von Elif Shafak beginnt mit einem Regentropfen, der am Ufer des Tigris vom Himmel fällt und den Beginn des Untergangs von Ninive einleitet.

Jahrtausende später wird am Ufer der Themse, im London des Jahres 1840, ein Kind geboren, das als Arthur, der König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere bekannt wird. Es schneit an diesem Tag, und die Schneeflocke, die in seinem Mund fällt, wird dieselbe sein wie diejenige, die einst König Assurbanipol traf. Arthur wird es dank seines fantastischen Gedächtnisses und seiner Leidenschaft für Sprachen gelingen, die Tontafeln zu entziffern, die den Mythos von Gilgamesh enthalten. Dafür bekommt er eine Festanstellung im Britischen Museum und die Möglichkeit, nach Ninive zu reisen, um nach einem verlorenen Teil eines berühmten Gedichts zu suchen.

2018 lernen wir am Ufer der Themse Zaleekha kennen, eine junge Wissenschaftlerin, die sich mit dem Gedächtnis des Wassers beschäftigt. Sie zieht gerade in ein Hausboot um, u.a. deshalb, weil wegen dieses umstrittenen Zweigs der Naturwissenschaften ihr Professor seine Reputation verlor und ihre Ehe in die Brüche ging.

Der 3. Handlungsstrang dieser faszinierenden Erzählung beginnt 2014 am Ufer des Tigris. Dort soll die 9-jährige Narin getauft werden, sie stammt vom Volk der Eziden. Narins Großmutter ist eine Rutengängerin, sie sucht nach den Quellen des Wassers. Die Taufe wird von Bulldozern verhindert, die einen riesigen Staudamm bauen, der das uralte geschichtsträchtige Tal überfluten wird. Die Arbeiter jagen die „Teufelsanbeter“ weg, worauf die Familie beschließt, in den Irak zu reisen. Narins Taufe soll nahe Ninive, im heiligen Lalis Tal stattfinden.

Arthur, Zuleekah und Narin, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten leben, wissen es nicht, doch ihre persönlichen Schicksale sind durch das Gedächtnis des Wassers miteinander verwoben, geprägt durch einen uralten Mythos, der in vielen Episoden die Wirrnisse und Leiden der Menschheit widerspiegelt.

Dabei spielen aktuelle Ereignisse wie der Bau des umstrittenen Ilisu-Staudamms in der Türkei und der grausame Völkermord der IS an den Eziden eine wichtige Rolle. Noch heute leben tausende ezidische Mädchen und Frauen versklavt unter den IS.

Trotz aller Grausamkeit ist dieser großartige Roman sehr gut zu lesen, man fiebert dem nächsten Abenteuer und den Entwicklungen der einzelnen Figuren entgegen. Ich bin zutiefst beeindruckt und habe viel gelernt. Große Leseempfehlung!


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