Mein Buchtipp im März 22: Katerina Poladjan, Zukunftsmusik
Es ist der 11. März 1985. Sowjetische Radiosender spielen Chopins Trauermarsch. Ein untrügliches Zeichen für die Bürger, daß jemand aus dem Politbüro gestorben ist. Es wird der Tag des Umbruchs sein, der Tag an dem Michail Gorbatschow das Amt des Generalsekretärs übernimmt, der Tag der letztendlich das Ende des kalten Kriegs eingeläutet hat.
Doch das wissen die Protagonisten des Romans noch nicht. Auf engem Raum leben Großmutter, Mutter, Tochter und Enkelkind in einer Komunalka, einer staatl. Gemeinschaftswohnung mit fünf weiteren Mietparteien zusammen, weit weg von Moskau, irgendwo in Sibirien. Wir tauchen für einen Tag in ihre Welt ein, lernen ihren Alltag kennen. Janka, Maria, Werwara und die kleine Kroschka. Vier Frauengenerationen unter einem Dach aufs engste zusammengepfercht. Janka, selbst fast noch ein Teenager, kann sich kaum um ihre Tochter Kroschka kümmern, meist übernimmt das Mutter Maria. Die arbeitet in einem Museum und träumt von einer Führungspositin und von der Liebe, während Zimmernachbar Matwej in sie verliebt ist. Oma Werwara hingegen hat eine Affäre mit einem anderen Mitbewohner, Schaffner Ippolit. Abends treffen sich alle zu einem kleinen Kwartinik, einem Hauskonzert, bei dem Janka singen soll.
Katarina Poladjan erzählt von ihren Protagonisten so warmherzig und wunderschön, daß sie einem alle ans Herz wachsen, egal wie schrullig sie auch sind. Man möchte fast selber gerne einen Tag mit ihnen in der Komunalka verbringen. „Zukunftsmusik“ ist hoffnungsvoll leicht geschrieben mit einem Hang zur Melancholie. Eine zauberhafte Geschichte, wundebar erzählt.
Am 11. März 1985 wusste wir alle noch nicht welche positiven Veränderungen dieser Tag bringen würde, welche Möglichkeiten sich besonders für Deutschland und Europa bieten würden. Im Moment können wir nur hoffen, daß es bald einen Tag, wie den 11. März 1985 geben wird.