Mein Tipp im Dezember: Café Finito
Schauplatz des neuen Romans von Sybil Volk ist der Dorotheenstädtische Friedhof in Berlin Mitte. Ein Friedhof auf dem viele prominente Tote liegen. Von Fichte bis Hegel, Bertolt Brecht mit Helene Weigel, Anna Seghers, Otto Sanders, Wolfgang Herrndorf… Sie alle spielen kleine Nebenrollen in diesem Buch. Der Ort der Handlung ist real, alles andere fiktiv. Da ist Kristofer, der Friedhofsverwalter. Er lebt in dem kleinen ockerfarben Häuschen vom Totengräber und betreibt das Café Finito. Dort bietet er jeweils ein Jahr lang eine Gruppe für Menschen an, die ihre Trauer verarbeiten wollen. Auch diese Jahr treffen sich sechs unterschiedliche Personen bei ihm im Café.
Da ist die Schriftstellerin Iris, die ihre Mutter bis zu ihrem Tod gepflegt hat. Die sich aber auch für den Erhalt des „blauschillernden Feuerfalter“ einsetzt.Die Ärztin Mira, die so sehr mit sich selbst beschäftigt war, dass sie ihrer besten Freundin beim Kampf gegen den Krebs nicht beistand. Lizzie muss nach 70 Jahren Ehe ihren Mann beerdigen. Eigentlich wollten sie gemeinsam Suizid begehen. Sie lernt aber auch mit 90 Jahren Akkordeon spielen. Auf dem Instrument , das ihr Mann so liebte. Leonies Welt bricht zusammen als sie ihr ungeborenes Kind verliert. Matthias, ein Versicherungsagent, sein Leben hat nach dem Unfalltod seiner Geliebten jeglichen Sinn verloren. Und Jonas, ein junger Mann der als DJ arbeitet. Er weiss nicht was er mit dem Erbe seines Vaters anfangen soll. Er zitiert auch gerne Wolfgang Herrndorf. Sybil Volk hat ihre Figuren geschickt ausgewählt. Es ist eine bunte Mischung aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und Lebenssituationen. Sie schildert deren Leben vor und nach dem Tod der für sie so wichtigen Menschen. Anfangs tun sie sich in der Trauergruppe noch ziemlich hart und schwer. Doch mit der Zeit werden sie offener und können über die Dinge des Sterbens und des Weiterlebens reden. Ihre Gespräche drehen sich um Liebe und Verantwortung, um Schmerz und Verlassenheit, um Religion und Gottesglauben, aber auch um andere philosophische Themen. Kristofer begleitet sie bestens. Er erkennt und sieht sie, gibt ihnen Halt. Kristofer ist auch ein „richtig guter Typ“, auch er hat ein Geheimnis. Außerdem sammelt er „außergewöhnliche Begriffe " in seiner Zigarrenschachtel. Und dennoch ist Café Finito kein trauriges Buch. Es gibt skurrile, humorvolle Szenen und Randfiguren wie zB. die beiden Zwillingsschwestern Dorothee und Dorothea, die im selben Haus zwei Beerdigungsinstitute mit völlig gegensätzlicher Philosophie betreiben. Man könnte sie sich in einer schwarzhumorigen französischen Komödie vorstellen. Es passieren noch viele magische Momente in diesem Friedhofskosmos bis hin zum fulminanten Ende. Das alles schildert SybilVols mit sprachlichen Geschick und poetischer Tiefe, trotz Trauer humorvoll und leicht. Café Finito ist ein Buch über die Trauer und den Tod. Und ein Buch, das das Leben feiert.
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