Mein Buchtipp im Juli: Nava Ebrahimi, Und Federn überall
Wie im klassischen Drama gibt’s hier eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung: Sechs Menschen befinden sich an einem nebelverhangenen Tag in einer hässlichen Kleinstadt im Emsland. Weltweit berühmt ist dieser Ort nur für seine massenhafte Produktion von Hühnerfleisch.
Die sechs Menschen wollen an diesem Tag ihrem Leben eine neue Richtung geben. Da ist Sonja, die in der Hühnerfabrik arbeitet. Ihre Aufgabe ist es, verhärtete Hühnerherzen aufzuspüren und am Fließband die entsprechend unbrauchbaren Hühnerbrüste auszusortieren. Sonja ist alleinerziehend, hat eben ihre tobende pubertierende Tochter zu Hause eingesperrt, ihren Sohn in der Kita abgeliefert und am Nachmittag ein Bewerbungsgespräch mit ihrem Vorgesetzten, um endlich aus der verhassten Fabrikhalle ins Büro aufzusteigen.
Dann gibt es Merkhausen, ihren Vorgesetzten, der auf Frauen mit polnischem Akzent steht, und Anna, die aufstrebende Programmiererin, die eine technische Lösung für die verholzten Hühnerbrüstchen finden will. Justyna überlegt, wie es mit ihrer Liebe weitergeht und auch Nassim spielt mit, ein Afghane mit Tunnelblick aus Kabul, der hofft, dass seine Gedichte das Herz des Asylamts erweichen mögen. Dazu muss er aber erst einen Menschen finden, der diese aus dem Arabischen übersetzt.
Dieser Mensch soll die iranische Autorin und Übersetzerin Rushi sein, die Nassim heute treffen will Und dann wird doch alles anders als geplant.
Ein wirklich humorvoller, raffiniert komponierter Text, den ich mit sehr großer Freude gelesen habe. Der Titel war 2025 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis, und die Autorin wird am 16. Juli die Texttage 2026 eröffnen. Darauf freue ich mich jetzt schon! Lesen Sie das Buch, wenn Sie Spaß an einer ausgefeilten Sprache und wunderbaren Dialogen haben.