Mein Tipp im Mai: Robert Seethaler, Die Straße

Es sind die 80er Jahre irgendwo in irgendeiner Stadt: Viele unterschiedliche Stimmen erzählen von ihrer Straße. Aneinandergeknüpft wie Perlen einer Kette, klingt jede Geschichte anders, und doch erkennt der Leser eine Melodie, deren unterschiedliche Töne und Tonlagen er von Beginn an unterscheiden kann.

Die Geschichte beginnt mit einem 14jährigen Jungen, der, mit einer Schleuder bewaffnet, den Tauben auf dem Dach auflauert. Es geht weiter mit den Bewohnern des Hauses Augenschein und dessen Heimleiterin, die mit ihrer Leidenschaft für Mehlspeisen von allen heimlich „der Elefant“ genannt wird.

In der Straße wird gelitten, geprügelt, gestritten, geliebt, gelogen, gemordet und gestorben. Ein paar schräge Töne verderben die Melodie, als Geschäftsleute die Straße entdecken und gentrifizieren. Dies Straße hätte doch Potential, „…traditioneller Einzelhandel, Urige Gastronomie…“ (S. 46) Beamtendeutsch mischt sich in die Stimmen der Anwohner.

Man möchte nicht, dass diese Melodie aufhört und man wieder lange auf den nächsten Roman dieses begnadeten Schriftstellers warten muss. Unbedingt lesen!


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