Ingrid Schlegel empfiehlt: Megan Hunter "Die Harpyie"

Welch ein Glück, dass ich diesen Lesetipp von Doris Höreth bekommen habe, denn ohne Doris´ Hinweis ("Das könnte dir gefallen, aber Vorsicht, es tun sich Abgründe auf...."), wäre ich wohl nie auf das Buch gestoßen. 

Worum geht es? Ansich ein Plot der wohlbekannt ist: ein Ehepaar, zwei kleine Kinder, der Ehemann beruflich erfolgreich, die Frau übernimmt die Kindererziehung, bleibt zu Hause und arbeitet nur ein paar Stunden pro Woche in ihrem alten Job. Alle finden sich in ihrer Rolle bequem verankert, bis plötzlich ein Seitensprung des Ehemannes das Konstrukt zum Einstürzen bringt und Lucys Verwandlung beginnt. 
Und diese Verwandlung hat mich wie ein Fausthieb getroffen! Megan Hunter ist eine Meisterin der geschliffenen Sprache und beschreibt äußerst raffiniert die Abwärtsspirale von Lucy. Sie zeigt auf, wie eine Fassade zerbröckelt und zieht den Leser weiter und weiter in die Abgründe von Lucys Geschichte. Und dabei geht es mitnichten "nur" um Schuld und Sühne eines Seitensprungs, denn dieser ist vielmehr nur der Katalysator, um Lucys Feldzug gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, verstaubte Rollenbilder und erlittene Schmerzen in der Jugend auszulösen.
Ein Buch, das sich einbrennt oder um es mit Kafka zu sagen: "Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns." Und das trifft in diesem Roman absolut zu!
 

Hunter, Megan
Verlag C. H. BECK oHG
ISBN/EAN: 9783406766633
22,00 € (inkl. MwSt.)