Mein Tipp im Januar: Claire Chambers, Scheue Wesen
Wir haben zwei “Scheue Wesen” , William und Hellen. Hellen arbeitet in den 60er-Jahren als Kunsttherapeutin in einer psychiatrischen Klinik in London. Kunsttherapie ist zur damaligen Zeit noch was ganz Exotisches. Da werden die Patienten hauptsächlich ruhiggestellt oder sie finden sich auf einer Elektroschockliege wieder. Hellen dagegen ist sehr modern und unkonventionell. Sie wird auch oft angefeindet wegen ihres besonderen Ansatzes.
Eines Tages wird ein neuer Patient in die Klinik eingeliefert. William. Ein Mann mittleren Alters. Mit langem Bart und langen Haaren. Abgetragener Kleidung. Völlig verwahrlost und stumm. William redet einfach nicht. Aber er zeichnet. Und wie er zeichnet. Er hat eine besondere Begabung. Er schaut sich was an, sehr, sehr lang. Nimmt das Objekt mit all seinen Facetten auf. Starrt dann auf sein Blatt, fängt an zu zeichnen und braucht nie mehr hochzublicken. Er zeichnet und porträtiert detailgetreu, dreidimensional. Das fällt natürlich auch Hellen auf. Sie versucht, William zu helfen. Er hat ein Trauma erlebt, das verarbeitet werden muss. Es geht auch um Williams frühe Kindheit, sein Aufwachsen, wie er zu diesem Menschen geworden ist. Er hat 20 Jahre das Haus nicht verlassen. Er hat mit seinen alten Tanten zusammengelebt, ohne Kontakt zur Außenwelt.
Wie es dazu kam, wie er da rausgeholt worden ist, wird Schicht für Schicht aufgedeckt. Und das ist spannend wie ein Krimi.
Wunderbares Buch, aus vielen Perspektiven erzählt. Erzählt die komplexe Lebensgeschichte von William. Aber auch die Geschichte von Hellen, denn auch sie hat ihr Päckchen zu tragen. Affäre mit verheiratetem Arzt. Und wie sie sich emanzipiert, das erzählt dieses Buch auch. Basiert auf einem wahren Fall.
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