Mein Buchtipp im März 23. Milena Michiko Flasar, Oben Erde, unten Himmel

Suzu lebt in einer japanischen Großstadt, in einer 1K, einer Einzimmerwohnung mit Küche . Ihre Arbeitstage als Hilfskellnerin verbringt sie unter Qualen, vermeidet Kontakte mit Menschen und freut sich, in die abendliche Routine mit ihrem Hamster abzutauchen, bis ihr gekündigt wird. Dann nimmt sie einen Job als Leichenfundortreinigerin an, und merkt, wie sie diese Arbeit erfüllt. Ihr Team wird angehalten, den Leichen, die zum Teil monatelang  unentdeckt blieben, einen würdigen Abschied zu geben und deren Wohnorte blitzblank zu hinterlassen.

Kodokushi  nennt man in Japan diese Fälle, das sind einsam Verstorbene, die alleine in ihrer Wohnung verstarben und lange Zeit unentdeckt blieben. Darum geht es auch in diesem Buch, um die zahllosen Menschen, die einsam und unbemerkt in einer anonymen Großstadt leben. Auch Suzu gehört dazu, ihre Schüchternheit und ihre anerzogenen Moralvorstellungen halten sie davon ab, sich anderen Menschen zu öffnen oder diese überhaupt wahrzunehmen.

Ich muss gestehen, dass ich erst langsam mit der Protagonistin warm geworden bin, zu fremd und verstörend erschien mir die Geschichte zunächst.

Allerdings kenne ich Michiko Flasars Debut, „Sie nannten ihn Krawatte“, ein Buch über ein weiteres (nicht nur) japanisches Phenomen, Hikikomori : Das sind junge Menschen, die sich freiwillig über mehrere Monate oder Jahre in ihrem Elternhaus einschließen, weil sie sich den Anforderungen ihrer Leistungsgesellschaft nicht gewachsen fühlen.

Daher wusste ich, dass ich an Suzus Geschichte dranbleiben sollte – und ich wurde nicht enttäuscht. Michiko Flasar hat einen weiteren warmherzigen, unbedingt lesenswerten Roman über die Auswüchse einer hochzivilisierten, unerbittlichen Gesellschaft geschrieben. Sie findet ihre eigenen, zutiefst menschlichen Antworten auf die Einsamkeit.

 


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