Mein Buchtipp im März: Eva Ibbotson, „Was der Morgen bringt“
Aktuell werden viele Liebesromane gekauft – wen wundert das, bei der momentanen Weltlage flüchten wir uns gerne ins Private. Dies hier ist zwar ein Liebesroman, aber er passt auch gut in die Zeit, es geht um Flucht, um Judenhass und Vorurteile, um Neuanfang in einem fremden Land und trotzdem liest sich das ganze wie ein Roman von Jane Austen.
Wien 1938: Hitler marschiert in die Stadt, während Professor Berger, Dekan des Naturhistorischen Museums, mit seiner Gemahlin und einem einzigen Koffer den letzten Fluchtweg nach London nimmt- seine 18-jährige Tochter Ruth wähnt er bereits dort, sie sollte mit einem Studentenvisum vorausreisen. Er ahnt nicht, dass Ruths Papiere für ungültig erklärt wurden und dass sie mutterseelenalleine in der elterlichen Wohnung ausharrt, wohlwissend, dass sie noch in derselben Nacht untertauchen muss.
Zur selben Zeit kommt der britische Professor Quinton Somerville, ein Freund ihres Vaters, in die Stadt, um an der hiesigen Universität die Ehrendoktorwürde anzunehmen. Als er Berger beim Festakt nicht antrifft und von dessen Schicksal erfährt, verzichtet er auf die Feierlichkeiten und eilt in dessen Wohnung, wo er Ruth findet und sie in Sicherheit bringen will. In der kurzen Zeit seines Aufenthalts scheint nur eine Scheinehe die jüdische Studentin sicher ins Ausland bringen zu können, und so heiraten die beiden.
Natürlich darf niemand von dieser Ehe wissen, zumal Ruth verlobt ist und Professor Somerville andere Pläne hat. Dies führt zu einigen Verwicklungen und großem Lesevergnügen, zumal Ruth eine blitzgescheite, herzensgute, äußerst emotionale junge Frau ist, die man doch manchmal schütteln möchte wegen all ihrer Rechtschaffenheit und dummen Entscheidungen. Ein Lesekreis könnte hier herrliche Charakterstudien anstellen, Protagonisten zerpflücken, Nebenpersonen (alle sind hochinteressant!) analysieren.
Die deutsche Erstausgabe erschien vor dreißig Jahren unter dem Titel „Die Morgengabe“. Eva Ibbotson, 1925 in Wien geboren, 2010 in England gestorben, ist hier vor allem für ihre warmherzigen und spannenden Kinderbücher berühmt: „Das Geheimnis von Bahnsteig 13“ diente als Vorbild für J.K. Rowlings Gleis neundreiviertel, auf dem die magischen Schülerinnen und Schüler vom Paddington Bahnhof aus nach Hogwarts reisen.
Ähnlich wie ihre Protagonistin musste Eva Ibbotson als junges Mädchen von Wien nach London fliehen – leider hatte sie kein so glückliches Elternhaus wie Ruth. Ihre Eltern waren getrennt, ihre Verwandten in alle Welt verstreut, sie wuchs in einem Waisenhaus auf. Doch in Ibbotsons Büchern findet sich kein einziges Wort der Verbitterung, sie sind pures Lesevergnügen!