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Buchtipps - Doris Höreth

Eine Handvoll Menschen lebt auf den Shetlands, umgeben von Schafen und den rauen Kräften des Atlantiks. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt und bewältigt die Herausforderungen des kargen Daseins, abhängig von Wetter und Gezeiten, auf seine Weise. Trotzdem gibt es auf der Insel Gemeinschaftssinn, und falls nötig, hilft man zusammen.

Achtzig Jahre alt musste Helga Schubert werden, um endlich "Vom Aufstehen" zu schreiben. Diese knapp 18 Seiten lange Geschichte handelt von ihrer Mutter, die zeitlebens von ihr eingefordert hatte, über sie zu schreiben. Mit knapp 102 ist diese Mutter dann gestorben, und Helga Schubert konnte erzählen. Von einer vom Krieg schwer beschädigten Frau, die ihr deutlich zu verstehen gab, dass sie ihr drei Heldentaten zu verdanken hätte: "Sie habe sie nicht abgetrieben, sie im Zweiten Weltkrieg auf die Flucht mitgenommen und sie vor dem Einmarsch der Russen nicht erschossen."

Diese Familiengeschichte, erzählt aus der Perspektive von vier unterschiedlichen Protagonisten, ist so verrückt, verstörend, zärtlich und grausam wie unzählige andere in unserem Land. Sie beginnt in Nürnberg der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, im vorläufigen Zuhause von zwei Brüdern, die vom Onkel zu aufrechten Nazis geprügelt werden sollen. Dieser Onkel war ein bekannter Nürnberger Kinderarzt, der ihm anvertraute behinderte Kinder als "unwertes Leben" abschob und im Sinne der Euthanasie verschwinden ließ.

Die an Alzheimer erkrankte hochbetagte Mutter eines eloquenten Nachrichtensprechers erinnert sich bis ins kleinste Detail genau an ihre traumatischen Erfahrungen während des 2. Weltkriegs und im jungen Nachkriegsdeutschland - nur dass sie ihrem Sohn bisher davon kein Sterbenswörtchen verraten hatte...

Die 27jährige Hannah besucht ihre Großmutter Evelyne im mondänen Berliner Wohnstift regelmäßig, aber immer mit sehr gemischten Gefühlen. Die alte Frau ist durchaus rüstig und geistig rege, aber verbittert und sarkastisch. Als sie zufällig einen Brief  aus Israel bei ihr findet, der ein großes Erbe mütterlicherseits ankündigt, will Evelyne davon nichts wissen. Hannah beginnt zu recherchieren, vom jüdischen Teil ihrer Familie hatte sie bisher noch nichts gewusst. Sie gerät immer tiefer in eine Geschichte, die so nur im Deutschland des 20. Jahrhundert passieren konnte.

Der Kinderbuchautor Paul Maar blickt auf seine Jugend zurück und will damit sich und allen anderen erklären, wie alles kam. Dies ist ihm wahrlich gelungen, und noch viel mehr: Der Leser erfährt nicht nur von Paul Maars Kindheit bei den Großeltern in Obertheres und seinen Lausbubenstreichen. Er kehrt auch mit ihm zurück nach Schweinfurt zum von Kriegserfahrungen und vom Leben allgemein verbitterten, ungeliebten Vater. Aus der elterlichen Spießbürgerlichkeit und Kälte flieht er zur Familie seiner Jugendfreundin Nele, die in Schweinfurt ein Theater besitzt.